Die Linguistik ist keine Errungenschaft der Neuzeit. Schon in alten Kulturen machten sich Gelehrte über Wesen, Strukturen und Funktionieren von Sprachen Gedanken. Noch unser modernes Sprachdenken baut in Teilen auf Erkenntnissen der Klassischen Antike auf. Allein die gängige grammatische Terminologie von heute verrät es. Man denke an Begriffe wie "Tempus", "Modus" oder "Kasus". Sprachbezogene Reflexionen sind aber auch keine exklusive Angelegenheit der europäischen Antike. Deshalb kommen in vier Vorträgen neben der antiken römisch-lateinischen und griechischen Sprachwissenschaft auch der Alte Orient, das Alte Ägypten und das Alte Indien zur Sprache.

Vorträge und Diskussion, ausgerichtet von der Kommission für Sprachwissenschaft

Programm

14:00 Uhr
Hans-Werner Fischer-Elfert
Ägyptisch lernen im Alten Ägypten

14:45 Uhr
Manfred Krebernik
Mehrsprachigkeit im Alten Orient

15:30 Uhr
Pause

16:00 Uhr
Roland Schuhmann
Sprachdenken im Alten Indien

16:45 Uhr
Marcus Deufert
Die Anfänge lateinischer Sprachreflexion in der frührömischen Dichtung

Im Anschluss: Diskussion

Abstracts der Vorträge

Hans-Werner Fischer-Elfert (Ägyptologie, Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig)

Ägyptisch lernen im Alten Ägypten – Unterrichtsmaterialien und welches Sprachbewusstsein sie reflektieren

Ägyptisch ist die am längsten bezeugte Sprache der Weltgeschichte. Noch heute ist das Koptische als letzte ihrer Ausprägungen Liturgiesprache in der entsprechenden Kirche Ägyptens. Wir unterscheiden grob fünf Phasen der schriftlich greifbaren Sprachgeschichte: Alt-, Mittel- oder Klassisch-Ägyptisch, Neuägyptisch, Demotisch und eben Koptisch. Der Vortrag wird Quellen aus den Stadien des Mittel- und Neuägyptischen (ca. 2000 – 700 v. Chr.) sowie des Demotischen (ca. 700 – 3. nachchr. Jh.) präsentieren, die zum einen Übersetzungen ganzer Sätze aus einer älteren in eine jüngere Sprachstufe durchexerzieren, z.B. unter Austausch entsprechender Verbalformen und Lexeme, wie auch bloße Listen von Wörtern (Substantive und Verben), die nicht selten Ansätze von Wort- oder semantischen Feldern zeigen. Dabei fungieren Archilexeme als Lemmata, erläutert durch eine variierende Anzahl von Hyponymen – und eventuell auch Synonymen. Von der Priester- und Beamtenelite, die für solche Aufzeichnungen verantwortlich zeichnet, wurde die Orthopraxie der „Perfekten Rede“ während der Verrichtung ihrer Dienstgeschäfte erwartet, insbesondere beim Zusammentreffen mit dem König. Wenn auch bislang nirgends in Gestalt eines expliziten Handbuches erläutert, sollen auch Überlegungen zu ihren Charakteristika angestellt werden. Zugleich bildet die „Perfekte Rede“ ein kulturell diskriminierendes Moment oder Hybris gegenüber anderssprachigen Bewohnern innerhalb und außerhalb des Landes.

Manfred Krebernik (Altorientalistik, Friedrich-Schiller-Universität Jena)

Mehrsprachigkeit im Alten Orient

Sprache ist bekanntlich ein zentraler Bereich der menschlichen Kultur. Aus anthropologischer und kulturhistorischer Perspektive wurde und wird Sprache unter zahlreichen Aspekten thematisiert: Sprachentstehung, Spracherwerb, Sprachentwicklung, genetische Sprachverwandtschaft, Sprachkontakte, sprachliche Kunst in mündlicher und schriftlicher Form, bis hin zur sprachlichen Wissensgeschichte. Letztere hat sich großenteils in engerem Sinne mit der Sprachwissenschaft befasst, aber z.B. auch mit Sprachentstehungsmythen und -theorien. Im Fokus standen dabei die griechisch-römische Antike, das mittelalterliche bis neuzeitliche Europa sowie Indien, wo die primär orale Tradition feststehender kultischer Texte, der Veden, schon früh grammatische und lexikographische Werke sowie Kommentare hervorbrachte. Verhältnismäßig wenig wurde in diesem Zusammenhang bis in die jüngste Zeit der Alte Orient berücksichtigt, obwohl dort das - neben dem ägyptischen - älteste schriftliche Quellenmaterial vorliegt, welches zudem an Diversität der Gattungen seinesgleichen sucht. Dieses Material ist hauptsächlich in Keilschrift überliefert, einem Schriftsystem, das gegen Ende des 4. Jts. v. Chr. auf der Basis älterer Vorläufer geschaffen und bis zum Beginn der christlichen Ära verwendet wurde, und zwar je nach Epoche zur Wiedergabe ganz verschiedener Sprachen. Es handelt sich um ein ursprünglich logographisches System, das um die Mitte des 3. Jts. eine lautschriftliche Komponente in Form von Silbenzeichen herausbildete. Um 2400 v. Chr. finden wir zum ersten Mal zweisprachige Wortlisten, bald nach 2000 v. Chr. grammatische Texte, die z. B. auch Verbalparadigmen umfassen. Aus dem 13. Jh. v. Chr. sind Reste einer viersprachigen Wortliste erhalten. Seit Ende des 3. Jts. sind zudem zwei- und mehrsprachige Versionen von Inschriften, kultischen und anderen „literarischen“ Texten belegt.

Roland Schuhmann (Indogermanistik, Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig)

Sprachdenken im Alten Indien

Zentral für das Sprachdenken im Alten Indien ist die Grammatik von Pāṇini mit dem Titel Aṣṭādhyāyī ‚acht Kapitel‘. In ihr ist die Grammatik des klassischen Sanskrits in 3.983 Regeln (sūtras) zusammengefasst, wobei Wortstämme und Suffixe getrennt sind. Durch die regelbasierte Darstellung hatte die Grammatik dann auch großen Einfluss auf die Strukturalisten, und ist sogar für die moderne Linguistik und sogar die Computerlinguistik von großem Interesse. Im Vortrag wird nach einer kurzen historischen Einordnung zunächst ein Überblick über den Aufbau von Pāṇinis Grammatik in acht Kapiteln mit jeweils vier Unterkapiteln (pādas) gegeben, wodurch sein Blick auf die Sprachstruktur verständlich wird. Anschließend werden einige der Regeln näher angeschaut. Von besonderem Interesse sind dabei solche Fälle, in denen Regeln einander widersprechen und wie man dann zu einer Auflösung dieses Widerspruchs gelangt.

Marcus Deufert (Universität Leipzig, Institut für Klassische Philologie / Latinistik)

Die Anfänge lateinischer Sprachreflexion in der frührömischen Dichtung

Am Angang der römischen Literatur stehen lateinische Übertragungen von Werken griechischer Dichtung. Sie gehören in eine Zeit, als in Griechenland die Philologie, die wissenschaftliche Erforschung der eigenen Literatur und Sprache, in höchster Blüte stand. Als eine von griechischen Vorbildern und griechischer Wissenschaft stark beeinflusste Literatur ist die frührömische Dichtung in besonderem Maße metaliterarisch und von Sprachreflexion gekennzeichnet. Diese hatte in Rom ihren Platz zunächst nicht in theoretischen Traktaten, sondern in der Dichtung selbst. In ihr werden insbesondere das Verhältnis des Lateinischen und Griechischen und das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit reflektiert – ersteres meist implizit durch die Art und Weise, wie Griechisches ins Lateinische übersetzt wird, letzteres explizit etwa durch die Praxis der Etymologie oder durch orthographische Vorschriften. Der Vortrag wird in den Überresten der frühlateinischen Epik und Tragödie (Livius Andronicus, Ennius, Pacuvius), der Komödie (Plautus) und der Satire (Lucilius) nach Spuren lateinischer Sprachreflexion zu einer Zeit suchen, zu der sich die Sprachwissenschaft in Rom noch nicht als eigene Disziplin etabliert hat.

Marmorstatue eines bärtigen Mannes vor blauem Himmel. In der rechten Hand hält er ein Schwert, in der linken eine Schriftrolle mit hebräischen Buchstaben.
Foto: MChe Lee, Bild: Unsplash